Wölfe und Giraffen

Giraffe seitlichEin einsamer Wolf streicht durch sein Revier. Ein Bild, mit welchem wir gerne einmal Freiheit und Stärke assoziieren: innere Freiheit und mentale Stärke.

Doch das Bild stimmt nicht. Wölfe sind in Wirklichkeit hochsoziale Geschöpfe mit einer tiefen Bindung zueinander und einem klar geregelten hierarchischen Verhaltenskodex untereinander. Wohlverhalten wird durch Zuwendung entlohnt, Regelverstöße werden hingegen unmittelbar geahndet. Ein Wolf fragt nicht nach Motiven, sondern duckt sich vor Ranghöheren und straft die Rangniederen.

Wolfschaut von rechtsDas ist bei dem einsamen Wolf, der sich Mensch nennt, nicht anders. Für das kleine Menschlein, das im frühen Kindesalter beginnt, ein Ich-Bewusstsein zu entwickeln, ist die Welt voller Wölfe. Sie erlauben und gebieten und verbieten. Um die Wichtigkeit dessen zu erklären, was sie Erziehung nennen, weisen sie dem Kind den Weg in ein Leben voller Sanktionen, drohender Folgen und Konsequenzen. Wohlverhalten wird entlohnt, Regelverstöße werden geahndet.

Das Kind wird auf diese Weise mit der Sprache der Wölfe vertraut. Sie wird das Kind von nun an auf seinem gesamten Lebensweg begleiten und ihm dabei zur Un-Natur werden. Denn mit einem zunehmenden Alter nimmt die Zahl der Wölfe um uns herum nicht ab. Im Gegenteil. Wir leben schließlich in der viel zitierten Ellenbogen-Gesellschaft. Was nichts anderes als ein moderner Begriff für Wolfsrudel ist…

Dementsprechend entwickelt sich unser Sprachgebrauch im täglichen Umgang miteinander. Wir empfangen Botschaften, denen Gewalt innewohnt, und versenden ebensolche. Unsere Kommunikation ist angefüllt mit einer Vielzahl offener und versteckter Drohgebärden, die alle im Grunde nur ein einziges Ziel verfolgen: unser Gegenüber in der von uns gewünschten Weise zu manipulieren.

Oh ja, das ist die Sprache der Wölfe, und wir haben sie wohlgelernt.

Giraffen sind anders. Sie sind friedfertig, trotz ihrer überlegenen Größe. Sie schauen mit sanften Augen in die Welt, und es ist, als wollten sie mit ihrem melancholischen Blick unsere Seele erforschen.

Giraffen sind schreckhaft, trotz ihrer enormen Größe. Wenn sie angegriffen werden, geraten sie in Angst, wie auch wir Menschen es tun. Doch die Giraffen verlieren dabei niemals den Überblick!

Und dann ist da noch das Herz der Giraffe. Es ist eines der größten im ganzen Tierreich, weil es das Blut auch in die entlegensten Winkel des Giraffenkörpers pumpen muss. Und es ist für diese Aufgabe eigentlich immer noch zu klein.

Wenn eine Giraffe sprechen könnte, würde sie ihre Worte wohl und mit Bedacht wählen, denn sie möchte Angst einflößende Gesten um jeden Preis vermeiden. Sie würde sich mitteilen wollen, ohne Angst zu verbreiten und ohne selber Angst haben zu müssen. Gewalt ist ihrem Denken fremd und in ihrer Sprache nicht zu finden. Dennoch teilt sie uns mit, was ihr am Herzen liegt, und sie erreicht die Dinge, die sie zu erreichen wünscht – eindrucksvoll, überzeugend und einvernehmlich – ohne unterschwellige Repressionen und drohende Szenarien. Dabei sagt die Giraffe die gleichen Dinge wie der Wolf – und doch klingen sie ganz anders.

Die Giraffe spricht die Sprache der Empathie, die Sprache der Friedfertigkeit. Wir Menschen nennen es Gewaltfreie Kommunikation.